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Japan hat es verstanden, im Laufe seiner Geschichte immer wieder
wissenschaftliche, kulturelle und andere Einflüsse verschiedener Ländern
bereitwillig aufzunehmen und den bestehenden Gegebenheiten anzupassen, zum
eigenen Vorteil. So sind vorrangig aus China stammende Kulturgüter in Japan
erhalten, gepflegt und weiterentwickelt worden, während sie in ihrem
Ursprungsland teilweise wieder verschwanden oder stagnierten. Japan stellt
heute eine beeindruckende Synthese zwischen asiatischer Tradition und
westlicher Modernisierung dar. Trotz der negativen Einflüsse der
Modernisierung (wie der Umweltverschmutzung) gilt es anhaltend als das Land
mit der höchsten Lebenserwartung. Für den Interessierten kann es sich
durchaus lohnen, mehr über die Entwicklung und eigenständige Anwendungsweise
traditioneller Heilmethoden des fernöstlichsten Inselstaates zu erfahren.
Archaische Medizin aus der Zeit vor dem Einzug der klassischen
chinesischen Medizin
Vor etwa 1500 Jahren begann der Einzug der chinesischen Medizin in Japan,
zunächst auf dem Umweg über Korea. Welche Formen der Heilkunde davor
bestanden haben, darüber gibt es nur wenige schriftliche Aufzeichnungen.
Es ist aber wahrscheinlich, daß Japans frühgeschichtliche Heilmethoden
wohl Ähnlichkeit gehabt haben müssen mit denen heutiger, sogenannter
primitiver Völker etwa Zentralasiens oder auch mit denen der Ainu, einer
ethnischen Minderheit, die in Hokkaido, dem Norden Japans und auf der
russischen Halbinsel Sachalin, beheimatet ist. Eines der ältesten
schriftlichen Zeugnisse, das "Kojiki" aus dem Jahre 712 beschreibt die
drei grundlegenden Säulen einer archaischen Heilkunde: Exorzismus,
Reinigung und Arzneipflanzen. Der Exorzismus war dem Geistheiler oder
Schamanen-Priester vorbehalten, die Reinungs-Rituale dienten u.a. auch der
Vorbeugung und haben eine starke Prägung im Bewußtsein heutiger Japaner
hinterlassen; Nirgendwo sonst, so scheint es, wird die persönliche und
häusliche Reinhaltung solchermaßen zelebriert wie im "Land der
Kirschblüten", und es gibt wohl kaum einen Japaner, der auf das tägliche
Bad verzichten möchte. Auch gibt es kaum ein Land, wo Thermalquellen so
zahlreich frequentiert werden - ja sogar die in Japan wild lebenden Affen
Japans baden in den heißen Quellen. (Satiriker stellen oft die Frage, wer
es denn von wem abgeschaut hat...?). Der Gebrauch einiger Arzneimittel aus
der Zeit vor dem Einzug der TCM hat sich bis heute erhalten, in der
einfachen Populärmedizin wie auch in der traditionellen, japanischen
Küche. Generell läßt sich feststellen, daß in frühester Zeit auch die
Grenze zwischen Nahrungsmitteln und Arzneimitteln eher ein fließender
Übergang gewesen sein muß.
Die traditionelle japanische Küche - die gesündeste Küche der Welt?
Die moderne japanische Küche unterscheidet sich deutlich von der
ursprünglichen; Zum einen war vom Buddhismus her der Fleisch (und
teilweise auch Fisch-)Genuß in Japan Jahrhunderte hindurch verpönt, ebenso
der des Alkohols. Zum Ausgleich entwickelte sich eine raffinierte
vegetarische bzw. vegane Küche, auf der Basis von Zerealien, Wald-Feld-
und Meeres-gemüse und Sojabohnen. Gerade aus letzteren wurde eine Vielzahl
unterschiedlicher Produkte gefertigt, meist durch Fermentierung. Nach
ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen decken sie in beinahe idealer
Weise den Bedarf an Mineralien, Vitaminen und Aminosäuren und sollen mit
ein Grund für die Langlebigkeit vieler heute hundertjähriger Japaner sein.
Mit dem Aufkommen der Makrobiotik u.ähnlichen Erscheinungen haben Tofu,
Miso und Co. auch im Westen Einzug in Reformhäuser und Bio-Märkte
gefunden, mit dem einzigen Nachteil, daß diese gesunden Dinge eben nicht
den Geschmack aller Gaumen hierzulande treffen. Soja-Produkte sind
sicherlich allen Vegetariern als Eiweißquelle zu empfehlen, sie sollen
auch viel Calcium und Vitamin B12 enthalten, ein Vitamin, daß in den
meisten Pflanzen nicht vorkommt, und bei vielen Vegetariern zu
Mangelerscheinungen wie zB.Anämie führen kann. Die Japaner essen auch
viele Arten von Meeresalgen, die nicht nur große Mengen hochwertiges
Eiweiß, sondern auch viele Spurenelemente in natürlicher Form enthalten,
die wie zB.Jod - in unseren Böden ungenügend vorhanden sind und auch zu
Mangelerscheinungen bei vielen Europäern führen.Wenn
Stoffwechselerkrankungen, Arterienverkalkung und Übergewicht in Japan viel
seltener sind als in Europa, dann mag es zwar, wie gerne propagiert wird
auch genetische Ursachen haben, aber es hat wohl auch damit zu tun, daß -
obwohl heutzutage in Japan viel Fleisch gegessen und viel Alkohol
getrunken wird - einerseits die traditionellen Zutaten noch einen großen
Anteil am Speisezettel ausmachen, andererseits sehr auf Frische und
Reinheit der Zutaten gelegt wird, und neben dem Konsum von industriellen
Fertigprodukten auch zum Großteil Frischkost, Fisch und
verdauungsfördernde Fermente verzehrt werden. Japanische Frauen durften
schon vor 1000 Jahren Akupunktur studieren. Während der chinesischen
Tang-Dynastie (618-907) fand durch verstärkte diplomatische - und
Handelsbeziehungen vom Festland ein reger Zustrom an chinesischem
Kulturgut nach Japan statt, ganz besonders der Buddhismus und die
traditionelle chinesische Medizin! Es wurden medizinische Schulen
gegründet, zuerst in der Hauptstadt, später auch in der Provinz.
Interessanterweise konnten auch Frauen neben Krankenpflege und
Hebammenkunde dort auch Akupunktur studieren. Nur die Adeligen hatten
Zugang zu Behandlung und Ausbildung, die breite Bevölkerung kaum und erst,
als buddhistische Tempel anfingen, Behandlung und Heilmittel für
Bedürftige kostenlos zur Verfügung zu stellen. (Eine ähnliche Situation
muß auch bei uns im Mittelalter bestanden haben, wo die ersten Spitäler
durch Geistliche gegründet worden sind.) Damals entstanden einige
medizinische Schriften, die meisten aber waren Abschriften oder
Abwandlungen chinesischer Bücher. Weil viele chines.Arzneipflanzen in
Japan aber nicht heimisch und nur in begrenztem Ausmaß kultivierbar waren,
entstanden auch Bücher, die alte japanische Tempel- oder Familien-Rezepte
aus der früheren Zeiten enthielten. Ab ca.900 kam es zu einem Abbruch der
politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit China, aber durch das
Aufblühen des Buddhismus in der "Kamakura-Periode" (ca. 1200-1400) reisten
viele Geistliche nach China, und brachten medizinisches Wissen und
chines-ische Arzneipflanzen mit nach Hause. Studienreisen nach China waren
in Japan somit schon populär, lange bevor die ersten Europäer nach China
reisten, um traditionelle Medizin zu lernen. Wie auch in Europas Klöstern
altes heilkundliches Wissen erhalten wurde, so haben Japans Tempel damals
auch eine wichtige Rolle gespielt. Eisai, der Gründer des Rinzai-Zen,
einer der beiden Hauptschulen des Zen-Buddhismus soll aus China als erster
den Tee mitgebracht und eine Schrift über die bes.gesundheitlichen
Wirkungen des Teetrinkens verfaßt haben.
Zen-Buddhismus und Langlebigkeit - grüner Tee in Japan
Vor Jahren noch nur wenigen Insidern bekannt, ist der grüne Tee heute in
aller Munde. Tees, Kapseln, Badezusätze, Backwaren ... nichts wird
scheinbar verschont, wenn es darum geht, aus ein paar
wissenschaftlichenTatsachen und der Gutgläubigkeit der Massen Profit zu
schlagen.
Was steckt dahinter? Zweifellos hat Tee arzneiliche Wirkungen,
experimentelle Studien zeigen einen hemmenden Einfluß auf die Entstehung
von Magen-Darm-Leiden, Stoffwechsel-Krankheiten und sogar Krebs. Zum
Unterschied vom schwarzen Tee wird beim Grünen Tee der Fermentationsprozeß
durch kurze Hitzewirkung gestoppt. Grüntee enthält zahlreiche Wirkstoffe,
die nur teilweise erforscht sind, darunter auch Vitamin C, Gerbstoffe und
Koffein, daß allerdings an Gerbstoffe gebunden ist und nicht wie beim
Bohnenkaffee rasch sondern eher sanft zur Wirkung gelangt. Grüner Tee ist
das traditionelle Getränk der Japaner, gefolgt vom Reiswein, und viele
Japaner glauben die allgemeine Langlebigkeit in der Bevölkerung komme vom
Tee-Trinken. Es gibt zahlreiche Sorten und Qualitätsklassen - je nach
Pflückung, Standort und Verarbeitung. Sogar ein ästhetischer Kult hat sich
entwickelt - die Teezeremonie - der zweifelsohne Bestandteil höchster,
traditioneller Kultur Japans ist. Sicher, die entspannende und zugleich
anregende Wirkung einer bewußt kultivierten Tee-Stunde kann der Gesundheit
von Körper, Geist und Seele von Nutzen sein. Hier könnte auch der
überaktive Europäer etwas für sich gewinnen, würde er sich täglich einen
Raum bewußter Ruhe und Kontemplation gönnen. Doch sollte man die
propagierten Wirkungen nicht überschätzen, und wissen, das Teegenuß - wie
alles - im Übermaß schaden kann. Denn Tee ist eine wirksame Arznei! Durch
seine entwässernde Wirkung kann er austrocknend wirken, er kann auch zu
Überreizung des Nervensystems führen.Maßvoll eingesetzt kann er sicher die
mentalen Funktionen verbessern und zur Gesundheit beitragen, besonders
dort, wo er den übermäßigen Kaffee-Genuß ersetzt.
Barfuß-Ärzte, Minimalismus und eigene Ansätze klassischer Heilmethoden
Am
Ende der kriegerischen Muromachi-Periode im 16. Jhdt. hatten viele Ärzte
ihre adeligen Herren verlassen und mußten sich als Wanderärzte
durchschlagen. Sie waren auf heimische Kräuter angewiesen, die uralte
Volks-Medizin lebte wieder auf. Allmählich aber sind wieder Schulen der
chines.Medizin entstanden, die ähnlich wie in China miteinander im
Widerstreit lagen, besonders, was die Interpretation der alten Schriften
betraf. Zum Unterschied von der klassischen chinesischen Medizin hatten
sie aber ihre eigenen Ansätze, die mehr auf Empirismus basierten , aber
auch zT.shintoistische (urjapanische) Grundwerte vertraten, wie etwa die
Betonung der Reinigung und Entschlackung durch ausleitende Arzneimittel.
Aufgrund der eingeschränkten Verfügbarkeit wurden generell weniger
Heilpflanzen auch heute noch ca.150 verschiedene und in geringerer
Dosis verwendet. Diese Reduzierung hat aber auch Vorteile, zunächst, die
sanftere Einwirkung auf den Organismus, geringere Nebenwirkungen, die
Reduzierung auf Wesentliches, vor allem aber die Betonung der Prävention.
Die ersten Zeugnisse der asiatischen Medizin in Europa stammten aus Japan
Mitte des 16 Jhdts. kam mit portugiesischen und spanischen Missionaren die
westliche Heilkunde der "Nanbanjin" (Barbaren aus dem Süden) nach Japan.
Zwischen 1639 und 1854 limitierte Japan den Handel drastisch, nur China
und Holland hatte eingeschränkten Zugang. Auf der einzigen Niederlassung
auf der Insel Dejima vor Nagasaki waren auch holländische und deutsche
Ärzte tätig, und über sie gelangten die ersten Kenntnisse der Anatomie und
Chirurgie nach Japan, und die ersten Zeugnisse über die TCM und Akupunktur
und Moxabustion nach Europa. Unter den auch bei uns berühmten Vertretern
dieser (von den damaligen Japanern als Rotbart-Medizin bezeichneten
Schule) sind Namen wie Rhijne, Bondt, Kämpfer und Siebold.
“Rotbart-Medizin" - Pionierarbeiten durch Kombinationen mit
traditionellen Methoden. In
Japan gab es damals Ärzte, die TCM und die europäische Medizin lernten,
und durch eigene Experimente sogar einige Pionierarbeit leisteten; Die
anatomische Entdeckung, daß der Urin aus der Niere und nicht, wie man
damals offenbar annahm dem Darm stammt, wird ebenso japanischen Ärzten
zugeschrieben, wie die erste Operation in Vollnarkose mit Hilfe stark
analgetischer und schlafinduzierender Arzneipflanzen bei einer Patientin
mit Brustkrebs. Vielleicht waren die traditionelle und die moderne Medizin
damals doch zu unterschiedlich und unvereinbar, jedenfalls konkurrierten
die jeweiligen Verfechter miteinander, und zwischen 1868 und 1912 (in der
Zeit der Meiji-Restoration) wurde die traditionelle Medizin sogar
staatlich verboten, es kam zu einem drastischen Niedergang. Erst in diesem
Jahrhundert kam es zu ihrer Wiederbelebung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts
wurden Gesellschaften zur Förderung der traditionellen Medizin ins Leben
gerufen und allmählich auch die Bezahlung zahlreicher Kräuter-Rezepturen
durch öffentliche Krankenkassen bewilligt. Eine der Begründungen dieser
Wende war, daß aufgrund des Einsatzes wirkungsstarker Medikamente der
modernen Medizin wie z B. Antibiotika das Krankheitsspektrum in Richtung
chronischer und systemischer Erkrankungen wie Autoimmunkrankheiten, Krebs
ua. sich verschoben hatte, gegen die es heute noch nicht genug wirksame
Medikamente gibt. Nebenbei eröffnete sich dadurch ein neuer Marktsektor
für Arzneimittel waren.
Heute dominiert die moderne, westliche Medizin in Japan, es gibt
zahlreiche Zentren der Spitzenmedizin mit sehr gut ausgebildeten Ärzten,
von denen die meisten einige Semester in Amerika studiert haben. Daneben
ist aber die traditionelle Medizin auch sehr populär; Heute werden Ärzte
erst nach der Universität in Kursen dafür ausgebildet. Es gibt eine
staatliche Universität mit Lehrspital zur Erforschung und Verbreitung von
Kampo. Und nur Mediziner sind autorisiert, Kräuterheilkunde zu betreiben.
Es gibt neben zahlreichen Privat-Kliniken für traditionelle Medizin auch
eine öffentliche Universität mit Lehrspital und einem botanischen
Forschungszentrum in Toyama. Dort werden in der Ambulanz und im Spital
Patienten von Ärzten, die sowohl westliche Medizin als auch die östliche
studiert haben, behandelt. Die traditionelle Medizin wird von den Japanern
als "Kampo" bezeichnet, was soviel bedeutet wie: Die chinesische (Heil-)Methode.
Eine weniger gebräuchliche Bezeichnung lautet Wakanyaku, frei übersetzt:
Sinojapanische Arznei(mittelkunde).
Japan heute:
Kampo-Medizin - auf dem Prüfstand der modernen Forschung
Wie auch in China, werden auch Forschungsprojekte nach den Standards der
westlichen Biomedizin betrieben. Die Schwierigkeit liegt aber darin, daß
die Prinzipien der logischen Wissenschaften mit den Grundkonzepten von
Kampo schwer vereinbar sind. Daß z. B. jeder Patient ein eigenes
Krankheitsmuster darstellt und oft eine andere Behandlung braucht als ein
anderer, der vielleicht die gleichen Symptome hat. Doch zu diesen
Unterschieden später mehr.Daneben existieren Ausbildungsstätten für
Akupunktur- und Massage-Therapeuten, die i.d.Regel keine Ärzte sind. Und
schließlich gibt es eine unüberschaubare, staatlich nicht kontrollierbare
Zahl von Geistheilern, Handauflegern, Gesundbetern... Unter Ihnen
Erfolgreiche und Scharlatane. Es herrscht wie in anderen Bereichen in
Japan auch im Medizinischen ein Pluralismus vor.
Dr. med. Bernd Kostner
Der Autor Dr. med. Bernd
Kostner ist Arzt für Allgemeinmedizin in Wien.
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