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KAMPO
- Traditionelle sino- japanische Phytotherapie
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KAMPO, die traditionelle sino- japanische Phytotherapie, war und ist neben
Akupunktur die Medizin, wie sie damals und auch heute dem Arzt in China,
Japan und Korea zur Behandlung der Patienten zur Verfügung stand und
steht. In Abb.1 sind einige der Drogen abgebildet, wie sie in
KAMPO-Rezepturen Verwendung finden.
Der Name KAMPO leitet sich aus dem Wort "Han" ab, das durch
Lautverschiebung zu "Kan" wurde und dem Wort "Ho". Han bezeichnet die
chinesische Han-Dynastie (206 v.Chr. - 220 n.Chr.), Ho beinhaltet Begriffe
wie Technik, Verfahren, Weise. Wie jedes medizinische System besteht auch
KAMPO aus Diagnose und Therapie. Es werden Verfahren angegeben mit deren
Hilfe der Arzt oder Heilkundige möglichst viele Informationen über den
Patienten erhält, die zur Diagnose, dem SHO, dem augenblicklichen Zustand
des Kranken, führen und es werden Verfahren angegeben, wie die diesem
Zustand entsprechende Rezeptur aus Einzeldrogen unter Beachtung gewisser
Zubereitungsmethoden und Verfahren hergestellt und verabreicht wird.
Geschichte
Im
Jahr 562 n.Chr. kommt es zum ersten Kontakt mit KAMPO durch den
chinesischen Mönch Zhi Cong, der 160 Bücher über Heilpflanzen und
Akupunktur nach Japan brachte. Von dieser Zeit an nimmt der Einfluß
Chinas auf die Medizin Japans stetig zu. In Japan beschränkt man sich
zunächst auf das Kopieren , in späterer Zeit, vor allem nach dem
II.Weltkrieg kommt es zu einer intensivierten gegenseitigen Kommunikation
und zu einem Wissensaustausch. Dies betrifft nicht nur die
Auseinandersetzung mit den ältesteten chinesischen Texten wie dem Huang Ti
Nei Ching des Gelben Kaisers oder dem Shang han lun, sondern auch in den
letzten Jahrzehnten die Aufklärung der Drogeninhaltsstoffe mit modernsten
technischen Geräten, die Erforschung pharmakologisch-biochemischer
Wirkmechanismen in vitro und vivo sowie die Qualitätskontrolle von
KAMPO-Produkten und Rezepturen.Das älteste japanische noch existente Buch
über Medizin, das Ishinho, stammt aus dem Jahr 984 n.Chr. von Yasuyori
Tamba. Im 16.Jahrhundert gründet Sanki Tashiro die Gosei-ha Schule,
nachdem er 12 Jahre im China der Ming-Zeit Medizin studierte. Im
17.Jahrhundert eröffnet Todo Yoshimasu die Koho-ha Schule und stellt die
Palpation des Abdomens, wie sie im Shang Han Lun beschrieben wird, als
wesentliches diagnostisches Verfahren in den Vordergrund. Es ist sein
Verdienst, daß heute in Japan bei der Ausübung von KAMPO dem Verfahren der
Bauchpalpation eine wichtige Rolle zukommt, was im Gegensatz zur in China
gepflegten Praxis steht, wo sie eine untergeordnete Rolle spielt. Nach
Einführung moderner westlicher Medizin in Japan und einer Phase der
Koexistenz beider Systeme kam es in der Meiji-Zeit des ausgehenden
19.Jahrhunderts zu einer zunehmenden Verdrängung der traditionellen
Medizinsysteme in Japan und zu einer fast ausschließlichen Orientierung
nach dem Westen und damit zu einem scheinbaren Siegeszug moderner
westlicher Medizin, dessen Höhepunkt sich in den Jahren vor dem
II.Weltkrieg zeigte.
Kampo im Japan nach dem 2.Weltkrieg
Die gegenwärtige Situation von Kampo in Japan ist gekennzeichnet durch
eine starke Zunahme der Anwendung von Kampo-Rezepturen in der täglichen
Praxis. Dies steht in einem gewissen Gegensatz zum Ausbildungssystem.
Eine Ausbildung in KAMPO für Studenten wird derzeit nur an einer
staatlichen Universität, der Universität für Medizin und Pharmazie in
Toyama angeboten.Die postgraduelle Ausbildung liegt im Ermessen des
Einzelnen durch Besuch von Seminaren, die von den entsprechenden
Pharmafirmen durchgeführt werden, durch Teilnahme an Tagungen und
Kongressen. Die postgraduelle Ausbildung, wie sie an der Abteilung für
Innere Medizin und dem angeschlossenen WHO collaborating centre for
Japanese Oriental Medicine (KAMPO) der staatlichen Universität Toyama
durchgeführt wird, ist in nachfolgender Abb.2 und Abb.2b dargestellt. Im
Gegensatz zu China und Korea sind in Japan alle Ärzte, die Kampo ausüben,
Absolventen einer entsprechenden Universität und in moderner westlicher
Medizin geschult. Derzeit sind Bestrebungen im Gange weitere Rezepturen
und Drogen durch Änderung der Bestimmungen von 1976 in das staatliche
Gesundheitswesen zu integrieren und die Forschung auf diesem Gebiet weiter
voranzutreiben.
Kurze Darstellung von theoretischen Grundlagen und Praxis der
Diagnosefindung .
Grundlegende theoretische Begriffe, die im Kampo-System verwendet werden,
sind in Abb.3 angeführt. Wie auch in der Akupunktur dienen sie als
Grundlage zur theoretischen Beschreibung von Krankheitszuständen und
Abläufen. Bei eingehender Beschäftigung mit Kampo und Akupunktur werden
grundlegende Übereinstimmungen in der Konzeption mit anderen
traditionellen Medizinsystemen deutlich, wenn auch die Termini technici ,
die zur Beschreibung dieser Konzepte dienen, verschieden sind. Um es mit
der Sprache der Mathematik bzw. fraktalen Geometrie zu beschreiben, die
Systeme sind untereinander selbstähnlich. Das SHO, die Gesamtheit der
Information, die zur Diagnose führt, also einer Momentaufnahme des
Zustandes eines Patienten, wird in der Praxis durch folgende Verfahren,
wie sie teilweise auch in der Akupunktur, im Ayurveda, in der tibetischen
Heilkunde und den traditionellen europäischen Verfahren verwendet werden,
erstellt:
-
Gespräch
-
Audio-olfaktorische Untersuchung
-
Inspektion (Zunge, Haut, u.a.)
- Palpation (Puls, Abdomen, u.a.)
Beim Gespräch wird neben der Erhebung allgemeiner Daten (Familienanamnese,
Kranken-anamnese) vor allem auf die vom Kranken verwendeten
Eigenschaftswörter zur Beschreibung eines Zustandes bedacht genommen. Eine
Vorgangsweise wie sie in der Homöopathie als eine besondere Eigenheit
dieses Systems praktiziert wird. Diese Eigentümlichkeiten in der
subjektiven Beschreibung von Symptomen können einen wertvollen Hinweis
auf die zu diesem Zustand passende Rezeptur sein. Zum SHO verhält sich die
Rezeptur, das HO, wie der Schlüssel zum Schloß. Je größer die Ähnlichkeit,
die Übereinstimmung desto stärker die Wirkung. Die Rezepturen bestehen aus
mindestens 2 bis zu 15, selten mehr Einzeldrogen, die in entsprechendem
Mischungsverhältnis stehen. Die Drogen sind in der überwiegenden Mehrzahl
pflanzlicher Herkunft, ein geringer Prozentsatz sind tierischer und
mineralischer Natur. In Japan sind derzeit c.a. 360 Einzeldrogen in
Verwendung, in China sind es über 2000, bekannt sind an die 5000 Drogen.
Aus diesen 360 Einzeldrogen werden in Japan 200 verschiedene Rezepturen
hergestellt. Auf Grund der Gesetzeslage ist der Arzt auch berechtigt,
eigene Mischungen zu rezeptieren. Bei den Pflanzendrogen werden neben der
gesamten Pflanze vor allem Teile derselben verwendet, wie Rinde, Wurzeln,
Stamm, Blätter, Blüten, Früchte und Samen. Die Zubereitung der Rezeptur
erfolgt heute entweder als Decoct oder wird fertig abgepackt als Granulat
in den Handel gebracht. Der Decoct wird in der Regel mit 600ml Wasser in
einem offenen Gefäß zubereitet und 50 Minuten bzw. auf 200ml abgekocht.
Nach dem Abseihen wird die verbliebene Flüssigkeit auf drei oder mehr
Teile portioniert und per os über den Tag verteilt verabreicht. Diese Art
der Zubereitung steht manchmal im Gegensatz zu den Angaben in den
klassischen Texten, wie dem Shokanron (Shang Han Lun) oder dem
Kinkiyoryaku (Jin Kui Yao Lüe), wo aufwendigere Verfahren der Abkochung
angegeben sind. Ob und inwieweit die Beachtung dieser Zubereitungsprozesse
eine Verstärkung der Wirkung erbringt oder ob im Zuge einer Vereinfachung
und für den Arzt und Patienten annehmbareren, praktizierbareren Verfahren
darauf verzichtet werden soll und kann ist eine mögliche Aufgabe für
zukünftige Forschungen. Die Wirkung von Kampo-Rezepturen ist im Vergleich
zu synthetisch erzeugten Pharmaka meist mild, Nebenwirkungen sind gering.
Ziel ist ist es, den Organismus in seiner Gesamtheit zu stärken und ihm
dadurch die Möglichkeit zu geben zusammen mit den ihm eigenen
Selbstheilungskräften die Balance wieder zu erlangen. In Japan nehmen
heute vor allem solche Patienten Kampo-Rezepturen in Anspruch, für die
-keine effiziente moderne Therapieform zur
Verfügung steht (Hepatitis, COVEST,
Kollagenosen,
u.a.)
-bei denen die Applikation
moderner Pharmaka zu Arzneimittelnebenwirkungen,
Arzneimittelallergien führte
-die an chron. multisystemischen
Erkrankungen leiden
-die modernen Pharmaka gegenüber
Mißtrauen
hegen oder
-die eine Präferenz für traditionelle
Medizinsysteme haben.
Von allen möglichen Behandlungsformen, ihren Stärken und Schwächen zu
wissen, den Patienten darüber unvoreingenommen zu beraten und die für
seinen jeweiligen Zustand passende Therapie auszuwählen, sollte die Kunst
eines Heilkundigen sein. Überliefertes auf seine Brauchbarkeit zu prüfen,
Nützliches herauszufiltern und weiter zu entwickeln sollten die Aufgaben
eines Forschers und Wissenschaftlers sein. Nicht ein Gegeneinander der
Vertreter einzelner Wissens-und Forschungsdisziplinen sondern ein
Miteinander ist die Zukunft auch in der Medizin.
Dr. med.
Dr. med.vet. Helmut Bacowsky
Lit.: Dr.
med. Dr. med. vet.
Helmut Bacowsky: Über
Kampo, in Wolf Dieter Müller-Jancke/Jürgen Reichling (Hrsg.): Arzneimittel
der Besonderen Therapierichtungen, 175-197 K. F. Haugverlag 1996
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